Ausgabe 12/2025
Niederrad, Oberrad, Seckbach: 125 Jahre Eingemeindung
Die Eingemeindungen Niederrads, Oberrads und Seckbachs jähren sich zum 125. Mal – ein passender Anlass, um eine lange Entwicklung dieser Stadtteile aus statistischer Sicht zu betrachten.
Durch die drei Eingemeindungen stieg zum Start des letzten Jahrhunderts die Bevölkerungszahl der Stadt Frankfurt am Main um 20.382 Personen oder fast acht Prozent. Zugleich wuchs die Stadtfläche durch den Zugewinn um 1.364 Hektar bzw. 17,7 Prozent.
Erste statistische Erwähnungen liegen weit vor der Eingemeindung
Lange bevor die drei Dörfer nach Frankfurt eingemeindet wurden, gab es schon statistische Daten über sie. 1811 wurde die Bevölkerung im damaligen Großherzogthum Frankfurt gezählt und die Ergebnisse berichtete P. U. Winkopp in seinem Versuch einer topographisch-statistischen Beschreibung des Großherzogthums Frankfurt bereits ein Jahr später.1
Ab 1858 beschrieb die Statistische Abteilung des Frankfurter Vereins für Geographie und Statistik in ihren Beiträgen zur Statistik der freien Stadt Frankfurt zurückreichend bis 1817 die beiden heutigen Stadtteile Niederrad und Oberrad. Für Seckbach sind ebenfalls Zahlen aus dieser Zeit verfügbar, sie wurden aber nicht durch die Statistische Abteilung berichtet.
Ab der Eingemeindung 1900 legte dann das Amt für Statistik in den Beiträgen zur Statistik der Stadt Frankfurt am Main regelmäßig u.a. Bevölkerungszahlen zu den drei Stadtteilen vor und die regelmäßige statistische Berichterstattung setzt sich bis heute fort.
Eingemeindungen ließen Frankfurt erheblich wachsen
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts betrug die Gesamtfläche der Stadt 7.698 Hektar. Durch die Eingemeindung der drei Stadtteile wuchs Frankfurt bis Ende 1900 um fast ein Fünftel auf insgesamt 9.062 Hektar. Während Seckbach in seiner Abgrenzung und mit einer Größe von rund 800 Hektar über die Zeit bis heute gleich blieb, kam es bei den Stadtteilen im Süden Frankfurts zum Teil zu erheblichen Veränderungen.
Die östliche Begrenzung Oberrads bildet zugleich die Stadtgrenze zu Offenbach am Main. 1999 kam es hier zu Verschiebungen dieser Grenze durch Ein- und Ausgliederungen von Flurstücken in die bzw. aus der Nachbarstadt. Dadurch sank die Fläche des Stadtteils von rund 276 Hektar zum Zeitpunkt der Eingemeindung auf nun 270,8 Hektar.
Dagegen erfuhr Niederrad einen enormen Flächenzuwachs, als 2018 die Stadtteilgrenze mit Schwanheim angepasst wurde. Der damalige Schwanheimer Stadtbezirk 533 wurde vollständig Niederrad zugeschlagen und in 373 umbenannt. Mit dieser Verschiebung stieg die Niederräder Fläche auf 612,5 Hektar an und beträgt heute etwas mehr als das Doppelte als zur Zeit der Eingemeindung (289 ha).
Entwicklung des Stadtgebiets im Vergleich
Anmerkung: Die Grenzen gelten zu dem Zeitpunkt, der in den Informationen zu den Gebieten angegeben ist. Gebietsänderungen innerhalb des Stadtgebiets (z.B. Verschiebung von Stadtbezirken zwischen Stadtteilen) sind nicht dargestellt.
Quelle: Bürgeramt, Statistik und Wahlen; Stadtvermessungsamt Frankfurt a. M. (laufend aktualisiert).
Zwischen 1910 und 1977 folgten weitere Eingemeindungen, die mit Bergen-Enkheim abgeschlossen wurden und zur bislang größten Flächenausdehnung Frankfurts auf 24.887 Hektar führten. Zwischen 1978 und 1999 kam es dann, wie bereits für Oberrad beschrieben, zum Flächentausch mit verschiedenen Nachbargemeinden sowie zu einer Neuberechnung des Liegenschaftskatasters und damit zu einem Rückgang der Stadtfläche. Seit 1999 umfasst das Stadtgebiet durchgängig 24.831 Hektar.
Bevölkerungsentwicklung in den eingemeindeten Stadtteilen
Bei der Volkszählung 1811 wurden für die drei Gemeinden ähnlich hohe Bevölkerungszahlen ermittelt, in jeder lebten zwischen 1.100 und 1.400 Menschen. Bis 1864 stieg die Bevölkerung in allen drei Gemeinden moderat an, wobei Oberrad zu dieser Zeit bereits 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner mehr hatte als Seckbach.
Bis zur Eingemeindung 1900 verlief das Bevölkerungswachstum deutlich dynamischer. Seckbach brachte Frankfurt 3.098 neue Einwohnerinnen und Einwohner ein, Oberrad trug mit 8.407 Neulingen zum Bevölkerungsanstieg bei. Niederrad entwickelte sich in dieser Zeit zum bevölkerungsstärksten der drei Stadtteile mit 8.877 Neufrankfurterinnen und -frankfurtern.
Unabhängig von Verlusten während des Zweiten Weltkriegs in Niederrad und Oberrad – Seckbach blieb davon verschont – und einem allgemeinen Rückgang zwischen 1963 und 1987 wuchs die Bevölkerung in der Tendenz bis heute konstant an. Niederrad hielt über 125 Jahre hinweg die Position des bevölkerungsreichsten der drei Stadtteile, entwickelte sich ab 2018 äußerst dynamisch und war am Jahresende 2024 Heimat für 30.834 Menschen.
Entwicklung der Bevölkerung
Quellen: Volkszählungen, Melderegister.
Relative Wachstumsdynamik sehr unterschiedlich
Bezogen auf den Basiswert bei der Eingemeindung im Jahr 1900 – dieser wird gleich 100 gesetzt – entwickelte sich die Bevölkerung in Niederrad bis 1928 besonders dynamisch, während Oberrad und Seckbach auf dem Niveau zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts verharrten.
Beginnend mit den 1930er Jahren sank in allen drei Stadtteilen die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner und Niederrad und Oberrad erlitten während des Zweiten Weltkrieges empfindliche Verluste. Insbesondere in Oberrad sank die Bevölkerungszahl um 61 Prozent. Lediglich in Seckbach kam es im Krieg zu einem Wachstum um sieben Prozent.
In den acht Jahren nach dem Krieg verdoppelte sich die Bevölkerung in Niederrad und Seckbach beinahe, in Oberrad wohnten 1953 knapp ein Drittel mehr Menschen als 1945. Dafür stieg die Bevölkerungszahl in diesem Stadtteil dann aber in der Tendenz fortdauernd an, während Niederrad ab 1962 und Seckbach zehn Jahre später wieder in einen Schrumpfungsprozess eintraten, der sich vor rund 20 Jahren umkehrte. Heute liegt die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner in beiden Stadtteilen beim 2,5-fachen zum Zeitpunkt der Eingemeindung.
Aktuelle Bevölkerungsstruktur ist heterogen
Zum Jahresende 2024 lebten in Niederrad 30.834, in Oberrad 13.755 und in Seckbach 10.569 Menschen. Die Stadtteile sind unterschiedlich dicht besiedelt. Während in Niederrad 49,4 Personen pro Hektar Fläche leben, sind es in Oberrad 50,8 und in Seckbach lediglich 13,2. Daneben fällt bei der Betrachtung der Bevölkerungsstruktur die heterogene Verteilung auf.
In Niederrad entspricht die Bevölkerungspyramide der typischen Tannenbaumform mit einem deutlichen Schwerpunkt bei den 20- bis 40-Jährigen. Im Stadtteil liegt der Anteil der 65-Jährigen und Älteren mit 13,5 Prozent im Vergleich zur Stadt recht niedrig (15,9 %).
In Oberrad verteilen sich die Einwohnerinnen und Einwohner wesentlich gleichmäßiger über die Altersjahre und die Schwankungsbreiten der absoluten Zahlen sind relativ gering, insbesondere zwischen 27 und 63 Jahren. Der Anteil der 65-Jährigen und Älteren ist hier allerdings höher als in Niederrad und mit 18,2 Prozent überdurchschnittlich.
Einen Schwerpunkt bei den Menschen zwischen 56 und 65 Jahren gibt es in Seckbach. Das schlägt sich auch darin nieder, dass der Stadtteil den höchsten Anteil an 65-Jährigen und Älteren hat (21,5 %). Darunter gibt es einen noch relativ breiten Sockel der ab 24-Jährigen und bei den Jüngeren verschmälert sich dieser weiter, wobei auch der Anteil der Jungen bis 17 Jahre mit 17,6 Prozent über dem Stadtwert liegt (16,8 %).
Auffällig im Vergleich der Pyramiden ist, dass in Niederrad bis zu 96-Jährige ausgewiesen werden können, während diese in den beiden anderen Stadtteilen bei den 93-Jährigen enden.
Alterstruktur der Bevölkerung in den Stadtteilen am 31.12.2024
Quelle: Melderegister.
Mehr Menschen, mehr Wohnungen: Entwicklung des Wohnungsbestands
Zur Eingemeindung im Jahr 1900 gab es in Niederrad (1.999) und Oberrad (1.904) jeweils knapp 2.000 Wohnungen, in Seckbach gingen der Stadt 725 Einheiten zu. Bis zum Jahr 1942 entwickelte sich der Wohnungsbestand in Oberrad und Seckbach absolut moderat, während in Niederrad ein deuticher Zuwachs stattfand.
Bei der ersten Zählung nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte sich, dass Niederrad und Oberrad durch die Bombardierungen viel Wohnraum verloren hatten, während in Seckbach sogar mehr Wohnungen (1.137) verfügbar waren, als noch 1937 (1.115).
Seit dieser Zeit stieg der Wohnungsbestand in allen Stadtteilen kontinuierlich an, wobei der Zuwachs nach 2015 in Niederrad aufgrund der räumlichen und strukturellen Entwicklung herausragt, und dort zum Jahresende 2023 17.929 Wohungen verfügbar waren (Oberrad: 7.463, Seckbach: 5.136).
Entwicklung des Wohnungsbestandes seit 1900
Quellen: 1900 Volkszählung; 1925 Wohnungszählung; 1927 Reichswohnungszählung; 1937-1942 Statistische Monatsberichte der Stadt Frankfurt am Main; 1946 Statistisches Jahrbuch der Stadt Frankfurt am Main 1958; 1950-2015 Statistisches Jahrbuch der Stadt Frankfurt am Main; 2016-2023 Statistische Gebäudedatei der Stadt Frankfurt am Main
Relativer Bestandszuwachs auf unterschiedlichem Niveau weitgehend einheitlich
Seit den 1950er Jahren entstanden in allen drei Stadtteilen fortlaufend mehr Wohnungen. Der Verlauf der relativen Steigerungen ist dabei sehr ähnlich, allerdings liegt der Zuwachs in Oberrad auf einem deutlich niedrigeren Niveau, bezogen auf den Basiswert des Jahres 1900 (=100).
Die Wohnungsanzahl stieg im südöstlich gelegenen Stadtteil auf das Vierfache des Werts von 1900. Im Vergleich dazu gibt es in Niederrad neun Mal und in Seckbach sieben Mal so viele Wohnungen wie zur Zeit der Eingemeindung.
Überwiegend Geschosswohnungsbau in Niederrad , in Seckbach vor allem Ein- und Zweifamilienhäuser
Niederrad hat mit einer Quote von 16,4 Wohnungen pro Tausend im Bestand die höchste Neubautätigkeit zu verzeichnen (Oberrad: 1,7; Seckbach: 3,5) und die Gebäudestruktur des Stadtteils ist aktuell durch den Geschosswohnungsbau insbesondere der letzten Jahre geprägt. Fast zwei Drittel der Gebäude sind Mehrfamilienhäuser. Knapp ein weiteres Viertel sind Einfamilienhäuser und lediglich elf Prozent beinhalten zwei Wohnungen.
Während die Gebäudestruktur in Oberrad der in Niederrad ähnelt, sieht sie in Seckbach völlig anders aus. Hier dominieren mit 40 Prozent ganz klar die Einfamilienhäuser das Bild, ein weiteres Viertel sind Zweifamilienhäuser. Lediglich ein Drittel der Gebäude sind im Geschosswohnungsbau entstanden.
Struktur der Gebäude in den Stadtteilen
Quelle: Gebäudedatei, Stand 31.12.2023.
Verteilung der Wohnungen unterscheidet sich weniger stark
Auch wenn sich die Gebäudestruktur in den drei Stadtteilen klar unterscheidet, fallen die Differenzen bei den Wohnungen weniger hoch aus. In Niederrad befinden sich 91,8 Prozent der Wohnungen in Mehrfamilienhäusern, in Oberrad 89,8 und in Seckbach noch 71,2 Prozent. Immerhin 27,1 Prozent aller Wohnungen liegen hier in Ein- und Zweifamilienhäusern, in Niederrad sind das lediglich 5,5 Prozent.
Wohnungen nach Gebäudearten in den Stadtteilen
Quelle: Gebäudedatei, Stand 31.12.2023.
Kleinere Wohnungen in Niederrad, eher große in Seckbach
Die Niederräder Wohnungsstruktur ist von Wohnungen mit lediglich einem Raum (19,5 %) und zwei Räumen (16,3 %) geprägt. Ein weiteres Viertel sind Wohnungen mit drei Räumen.
In Oberrad haben die Wohungen mit drei Räumen den höchsten Anteil, Ein- und Zweiraumwohnungen machen nur noch knapp 23 Prozent des Bestandes aus. Große Wohungen mit vier bzw. fünf und mehr Räumen finden sich in über 40 Prozent der Fälle.
Diese großen Wohnungen bestimmen mit 54,1 Prozent den Wohnungsbestand in Seckbach. Ein- und Zweiraumwohnungen spielen in diesem Stadtteil mit 19,1 Prozent nur eine untergeordnete Rolle.
Wohnungsstruktur in den Stadtteilen
Quelle: Gebäudedatei, Stand 31.12.2023.
Nicht nur die Zahl der Räume in den Wohnungen fällt in Niederrad geringer aus als in den beiden anderen Stadtteilen, auch die durchschnittliche Wohnfläche je Wohnung ist mit 59,7 Quadratmetern geringer als in Oberrad (66,1 m2) und Seckbach (77,4 m2).
In Seckbach wechseln die meisten auf das Gymnasium
Während der Anteil derjenigen, die von einer Grund- auf eine integrierte Gesamtschule wechseln, in allen drei Stadtteilen auf oder nur knapp über dem städtischen Wert liegt (25,2 %), unterscheiden sich die Übergänge auf ein Gymnasium.
Stadtweit wechseln 58,5 Prozent der Schülerinnen und Schüler auf ein Gymnasium. In Niederrad trifft dies auf 45,1 Prozent zu. Zwar deutlich mehr, aber immer noch unterdurchschnittlich viele, sind es in Oberrad (52 %) und auch in Seckbach (54,1 %).
Anteil an Leistungsberechtigten in Oberrad am höchsten
Die Quote derjenigen, die leistungsberechtigt in der Grundsicherung für Arbeitssuchende sind, ist in Oberrad am höchsten. 114 von 1.000 Einwohnerinnen bzw. Einwohnern haben hier einen Anspruch auf solche Leistungen, und damit liegt der Wert deutlich über dem gesamtstädtischen von 79.
In Seckbach sind es mit 100 von 1.000 Einwohnerinnen und Einwohnern deutlich weniger, durchschnittlich ist hierbei aber Niederrad mit 80.
Bruttoarbeitsentgelte liegen unter dem Stadtwert
In allen drei Stadtteilen wird tendenziell weniger verdient als stadtweit. So haben in Niederrad 20,6 Prozent der Vollzeitbeschäftigten lediglich einen Bruttoarbeitslohn bis zu 3.000 Euro, in Oberrad 25,8 Prozent und in Seckbach sogar 26,8 Prozent.
Am oberen Ende der Skala liegt der Wert dagegen jeweils niedriger als in der Stadt insgesamt (48 %). Während in Niederrad (23,6 %) und Seckbach (23,1 %) der Anteil derjenigen mit mehr als 6.000 Euro Bruttoeinkommen ungefähr gleich hoch ist, liegt er in Oberrad (20 %) deutlich niedriger.
Fußnoten
WINKOPP, Peter Adolph, 1812. Versuch einer topographisch-statistischen Beschreibung des Grossherzogthums Frankfurt: mit einer grossen topographischen Charte. Weimar: H. S. priv. Landes-Industrie-Comptoir↩︎